MARCEL RICKLI

AMBIVALENT / 2017 – 2018

DE_ China investiert weltweit eindeutig am meisten in erneuerbare Energien und treibt deren Ausbau massiv voran. Zahlreiche Megaprojekte werden aus dem Boden gestampft, um so dem grössten Umweltproblem des Landes – dem Smog – die Stirn zu bieten. Die enorme Luftverschmutzung fordert jährlich mehrere hunderttausende von Menschenleben und ist die Triebfeder der Investitionen. Nach wie vor wird jedoch der grösste Teil des Strombedarfs durch fossilen Energieträgern gedeckt. Vor allem Kohlekraftwerke prägen stark das Stadtbild in den Provinzen Shanxi und Hebei, sie gelten als Hauptverursacher der Luftverschmutzung.
Parallel dazu entstehen erneuerbare Stromproduktionsstätten, die ihresgleichen suchen. Am Rande der Wüste Gobi wurde kürzlich der grösste Windpark der Welt in Betrieb genommen und in der Hochebene von Qinghai entsteht ein Solarkraftwerk das futuristischer nicht sein könnte.
Die Erschliessung dieser abgelegenen Anlagen gestaltet sich jedoch schwierig, denn ein Grossteil der Energie geht bereits auf dem Transport in die Ballungsräume verloren.
Diese Investitionen dürften auch einen positiven Nebeneffekt für das globale Klima mit sich bringen. Der stetig sinkende Preis von Photovoltaik-Modulen lässt deren Ausbau in die Höhe schiessen und könnte somit den Weg in eine grünere Zukunft ebnen.

EN_ China is clearly the largest investor in renewable energy sources worldwide, and is massively furthering their development. Numerous mega-projects are being conceived and launched in order to tackle the country‘s largest environmental problem: smog. The severe air pollution takes several hundred thousand human lives annually, and is the driving force behind the investments.
However, most of the country‘s electricity needs continue to be generated using fossil fuels. Above all, coal power plants are a defining characteristic of the skylines in the provinces of Shanxi and Hebei; they are generally considered the main contributors to air pollution.
At the same time, hitherto unparalleled renewable energy power plants are being built. At the edge of the Gobi Desert, the largest wind farm in the world was recently put into operation, and the highland plateau of Qinghai will soon be home to a solar power plant that could not be more futuristic. However, developing such remote places for this purpose is extremely difficult, as a large portion of the energy is already lost en route while being transported to the metropolitan areas.
These investments are also expected to have a positive secondary effect on the global climate. The constantly falling price of photovoltaic modules has caused their proliferation to skyrocket, potentially paving the way to a greener future.

URBAN SHIFT / 2017 – 2018

DE_ Das deutsche Ruhrgebiet und die Gegend um Charleroi, Belgien, zählten einst zu Europas bedeutendsten Umschlagplätzen der Schwerindustrie. Als Ende der 50er und 60er Jahre die Kohle- und Stahlkrise Einzug hielt, unterlagen diese Regionen seither einem stetigen strukturellen Wandel. Die aufgetürmten Halden der Bergwerke werden zu Touristenattraktionen umgestaltet, in den Industrieruinen finden Führungen statt und die Zeche Zollverein ist heute UNESCO Weltkulturerbe.
Seit auch das letzte Bergwerk im Ruhrgebiet Ende 2018 seine Schächte endgültig dichtmachte, ist die Steinkohleförderung in Deutschland definitiv Geschichte. Mit dem Schwinden der Industrie sind zahlreiche Arbeitsplätze verloren gegangen. So ist Charleroi seither die Stadt mit einer der höchsten Arbeitslosenquote in ganz Belgien.
Einzig und allein die Relikte der Industrialisierung erinnern noch an glorreiche Zeiten.

EN_ The German Ruhr region and the area around Charleroi, Belgium were once among Europe's most important hubs for heavy industry. After the coal and steel crises took hold at the end of the 50s and 60s, these regions were subject to a steady structural transformation. The towering mining piles were transformed into tourist attractions and guided tours now take place in the industrial ruins. Today the Zollverein Coal Mine Industrial Complex is a UNESCO World Heritage Site.
Since the last mine in the Ruhr region closed its shafts at the end of 2018, coal production in Germany is now a thing of the past. With the disappearance of industry, the jobs have also been lost. For this reason, Charleroi is since then the city with the highest unemployment rate in all of Belgium.
Solely the relics of industrialization are still reminiscent of glorious times.

LAUSITZER BRAUNKOHLEREVIER / 2015

DE_ „Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter.“ – Lausitzer Sprichwort

Vor rund 15-20 Millionen Jahren entstanden, liegt es in einer Tiefe von durchschnittlich 80m – das Flöz im Lausitzer Braunkohlerevier.

Mit dem Fortschritt der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs der Strombedarf stetig an und ein neuer Energieträger musste erschlossen werden. Seit nun mehr als 100 Jahren wird unermüdlich nach Kohle geschürft und die Tagebaue ziehen rücksichtslos ihre Spuren durch die Landschaft. Dörfer verfallen der Devastierung und die Bewohner, welche zwangsumgesiedelt werden, müssen ihre Heimat aufgeben. Was übrig bleibt, sind Ruinen an den Abbaugrenzen – jedoch nur solange, bis die radikale Maschinerie vorrückt und auch diese einebnet.
Durch das Abpumpen des Grundwassers aus den Abbaulöchern kommen Mineralien aus dem Untergrund mit Sauerstoff in Kontakt und beginnen, zu oxidieren. Infolgedessen tritt eine Verockerung der Gewässer ein und schädigt das Ökosystem. Die Anzahl der Lebewesen in den Fliessen und Bächen hat seit Aufnahme des Tagebaus drastisch abgenommen.
Braunkohle zählt mit Abstand zu den umweltschädlichsten aller fossiler Energieträgern und ist, wegen des enormen CO2 Ausstosses, mitverantwortlich für die Klimaerwärmung. Trotz angekündigter Energiewende und Förderung erneuerbaren Stroms wird in Deutschland weiterhin auf Braunkohle als „Brückenenergie“ gesetzt. Selbst Dörfer wie das traditionsreiche Proschim, welche mit Solar- und Windanlagen grünen Strom für rund 15’000 Haushalte erzeugen, sollen dem Tagebau weichen.
Ist die Kohle einmal abgebaut, bleibt nichts anderes übrig als verwüstetes Niemandsland von mehreren Quadratkilometern Fläche, welches infolge von Standsicherheitsproblemen über Jahrzehnte hinweg nicht betreten werden kann.

EN_ LUSATIAN LIGNITE MINING DISTRICT / 2015

"God created Lusatia, but the devil buried the coal beneath it." – Lusatian proverb

Formed around 15–20 million years ago, the coal seam of the Lusatian lignite mining district lies at an average depth of 80 meters.

The progress brought on by 19th-century industrialization caused a steady increase in the demand for electricity – which meant that a new energy source needed to be developed. For over 100 years, coal has been dug up relentlessly, with the surface mining recklessly leaving visible traces across the landscape. Villages are devastated as a result of land degradation, with residents forced to give up their homes and relocate. All that remains are ruins at the edges of the mines – but only until the destructive machinery comes along and levels them out.
As groundwater is pumped out of the excavation sites, minerals from the subsoil come into contact with oxygen and begin to oxidize. As a result, iron and manganese oxides build up in the waters, causing damage to the ecosystem. The number of living beings in the rivers and streams has declined drastically since the inception of the strip mine.
Lignite is by far one of the most environmentally unfriendly of all fossil fuels and, due to its tremendous CO2 emissions, contributes to global warming. Despite the announced Energiewende (energy transition) and the promotion of renewable electricity, lignite continues to be used as a “bridging energy” in Germany. Even villages like the tradition-steeped Proschim, which generates green electricity for around 15,000 households using solar and wind power plants, are set to make way for strip mining.
Once the coal has been mined, all that remains is a devastated no-man’s-land encompassing several square kilometers; due to issues of structural stability, this area is then closed off to entry for decades.

KIRUNA / 2015

DE_ Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens und liegt unmittelbar überhalb des Polarkreises. Gegründet um 1900 in nur einer Absicht – der Erschliessung der grössten Bodenschätze des Landes. Die 18’000-Seelen-Gemeinde ist umgeben von den beiden Eisenerzbergen Kiirunavaara und Luossavaara, welche hochwertiges Magnetit enthalten. Zu Beginn wurde das Erz im Tagebauverfahren gefördert, seit ein paar Jahren jedoch findet der Abbau in einer Tiefe von 1365m unter Tage statt. Ungünstigerweise reicht der Erzkörper bis unter die Stadtgrenzen und somit ist Kirunas Segen sein Fluch zugleich. Jede Nacht erschüttert ein leichtes Beben die Stadt, wodurch die Mine nach und nach in Richtung der Stadtgrenze rückt. Risse bilden sich in der Landschaft und Kiruna droht der Untergang. Um den weiteren Abbau des wertvollen Minerals zu gewährleisten, hat man sich entschieden, grosse Teile Kirunas mitsamt Infrastruktur und Bewohnern umzusiedeln. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe, die viele Fragezeichen aufwirft.

EN_ Kiruna is Sweden's northernmost city, lying just above the Arctic Circle. It was founded in around 1900 with only one aim: to exploit the largest mineral resources in the country. The 18,000-person community is surrounded by two iron ore mountains, Kiirunavaara and Luossavaara, which both contain high-quality magnetite. Initially, the ore was mined using surface mining techniques – but over the past few years, underground mining has been taking place, at a depth of 1365 meters. Unfortunately, the orebody extends into the area beneath the city’s foundations, which means that Kiruna’s blessing is also its curse. Every night, a subtle tremor rattles Kiruna as the mine gradually shifts toward the city limits. Cracks form in the landscape, threatening to collapse the city into the ground. To ensure the future mining of valuable minerals, it was decided that large parts of Kiruna – including its infrastructure and residents – would be relocated. It is a nearly unmanageable task that raises many doubts.

HAGNECK / 2011–2015

DE_ Die Energiewende ist das Schlagwort der Stunde, die Frage, wie die Menschheit künftig ihren Energiehunger deckt, die grosse Herausforderung. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima und der Debatte um erneuerbare Energieträger fasste Marcel Rickli sein Projekt: den Ausbau des Wasserkraftwerks Hagneck am Bielersee während mehr als vier Jahren, der gesamten Bauzeit, zu dokumentieren. Das Beispiel Wasserkraft reiht sich in eine Reihe künstlerischer Feldstudien Ricklis, der eine existentielle Problematik innewohnt: Welcher Aufwand ist notwendig, um dem Ziel einer Energiewende ein Stück näherzukommen?
Ricklis Arbeit über Hagneck ist ein berückendes Kammerspiel aus Formen, Rhythmen und Materialitäten. Die geometrischen Flächen, die abstrakten Landschaften und die harte, zweckmässige Architektur ziehen in ihren Bann. Am Ende bleibt Schlichtheit – eine Essenz in Schwarzweiss, geschuldet einer rigorosen Blick- und Bildkontrolle. Ricklis Anspielungen an das neusachliche Credo Albert Renger-Patzschs transzendieren dieses zugleich, lassen Hintergründiges anklingen. Es ist die Suche nach einer verloren gegangenen Anschaulichkeit. Die Fotografie stellt sie als ästhetisches Erlebnis, als Zauber wieder her. Text: Sascha Renner

EN_ The Energiewende (energy transition) – the buzzword of the moment – presents a great challenge. How will humanity meet its energy demands in the future? With the Fukushima disaster and the renewable energy debate in mind, Marcel Rickli conceived his project: documenting the development of the Hagneck hydroelectric power plant on Lake Biel over the course of more than four years, the entire construction period. This hydropower series falls in line with a number of Rickli’s other artistic field studies that embody a set of existential problems: What kinds of effort are necessary to come closer to the goal of an energy transition?
Rickli’s work dealing with Hagneck is a captivating chamber play comprising forms, rhythms, and materials. The geometric surfaces, abstract landscapes, and austere, utilitarian architecture capture the imagination. In the end, simplicity is what remains: an essence in black and white resulting from a rigorous mastery of perspective and image. At the same time, Rickli’s allusions to the New Objectivity credo of Albert Renger-Patzsch transcend this, conveying something profound. It is the search for a lost purity. The photography restores it as an aesthetic experience, a kind of magic. Text: Sascha Renner

ORDER BOOK HERE

WASSERTÜRME H0/N

DE_ Detailgetreu und im exakten Massstab sind die Bausätze der Modelleisenbahnwelt dem Original nachempfunden. Ein Mikrokosmos für Liebhaber des Filigranen. Meist sind es historische Bauwerke, die ihren Platz zwischen den Geleisen und Plastikbäumen der sorgfältig angelegten Kunstlandschaften finden. Für die Sammler ein Schwelgen in Nostalgie und Rückblick an vergangene Zeiten.
Als Konservierung des Vergänglichen ist auch die Arbeit des deutschen Fotografenpaares Bernd & Hilla Becher zu bezeichnen. In ihren dokumentarischen Sachaufnahmen, unter anderem jenen von Wassertürmen, schufen sie ein fotografisches Archiv unzähliger Bauwerke, welche einer Modernisierung weichen mussten oder es noch werden. Wassertürme H0/N ist eine Hommage an das Werk der Bechers und eine Erinnerung an den Wandel der Zeit.

EN_ WATER TOWERS H0/N

The construction sets of the model railway world have been recreated in perfect detail and to exact scale: a microcosm for lovers of all things filigree. Historical buildings, more than anything else, can be found among the train tracks and plastic trees of the meticulously designed artificial landscapes. For collectors, it is a chance to indulge in nostalgia and a throwback to times past.
A preservation of the ephemeral can also be seen in the work of the German photographer couple Bernd and Hilla Becher. In their documentary images – including those of water towers – they created a photographic archive of countless buildings that gave or will give way to modernization. Wassertürme H0/N is a tribute to the work of the Bechers and a reminder of the passage of time.

ABSENCE / 2013

Brooklyn, NYC

WHITEOUT / 2014

DE_ Whiteout ist grösstenteils in den Polarregionen und im Hochgebirge zu beobachten. Seltener zeigt sich dieses meteorologische Phänomen auch in gewohnter Umgebung. Die Schneebedeckte Landschaft umhüllt von diffusem Licht, lässt den Ort in einer homogenen Fläche aus reinem Weiss erscheinen. Die Szenerie wirkt befremdlich, surreal und reduziert. Wie losgelöst abstrahieren sich die Konturen von der Umgebung, bis diese gänzlich im Raum zu schweben scheinen.

EN_ Whiteout is mainly observed in polar regions and high mountain ranges; more rarely, this meteorological phenomenon turns up in more familiar surroundings. The snow-covered landscape enveloped by diffuse light gives the impression of a uniform surface of pure white. The scenery seems strange, surreal, stripped-down. As if detached, the contours abstract from their environment until they seem to float entirely in space.